Meine Erinnerungen an die erste freie Volkskammerwahl der DDR am 18. März 1990.


Seit 1988 arbeite ich bei Microsoft im technischen Support. Mein Fokus soll auf Excel liegen, das gerade Anfang 88 als Beta-Version 2.01 mit einer Windows 2.01 Runtime rausgekommen ist. Aber auch MS-DOS, Word, Chart, Flugsimulator (wir beide sind nie warm miteinander geworden) wollen unterstützt werden.

Die Entwicklung geht weiter und 1989 kommt die Version 2.2 für MacIntosh und OS/2 Presentation Manager raus. Eines Tages erzählt mir mein Chef, IBM hätte angefragt, sie brauchen einen Freiwilligen, der eine Weile in Berlin arbeiten möchte. Logisch interessiert mich das. Ein erstes Kennenlerntreffen zeigt, IBM wird die ganze IT Infrastruktur stellen um die Wahl zur Volkskammer zu betreuen. In Berlin steht eine ES/9000 (ganz dicker Brummer) und in 15 Städten jeweils eine AS/400 (immer noch gut für eine größere Firma). Aber im Pressezentrum hätte man keine Anzeigemöglichkeit der Wahlergebnisse . Da man von der guten Zusammenarbeit zwischen Microsoft und IBM überzeugt wäre (wir kannten niemand bei IBM, aber Berührungsängste gab es im Support mit niemand) und von dem neuen Produkt Excel für Presentation Manager gehört hätte, könnte man das doch dafür nutzen. Sie wussten wohl um das technische Spielkind in mir und erwähnten es gäbe 20 nagelneue PS/2 Rechner mit 8514 Bildschirmen. 8 MB Speicher und 1024er Auflösung am Schirm war ja doch beachtlich. Und eine Mannschaft, die den Presseleuten Ausdrucke von Ergebnislisten und -charts geben sollten, musste auch eingewiesen werden.

Neu für mich war die technische Anbindung an den Mainframe. In der Extended Edition von OS/2 gab es die Software dafür und mit ein bisschen Hilfe kriegten wir das flott hin. Dass die dafür notwendigen Token Ring Netzwerkkarten weit über 1000 DM gekostet hatten, blieb mir in Erinnerung.

Die Datenübertragung war geregelt, blieb die Frage welche Listen und Charts sollen es denn sein. Das letzte Wort hatten die Vertretern des Runden Tisches. Da waren nur unserer Information normale Bürger, die zum ersten Mal eine Wahl organisieren sollte und sie hatten niemand, den sie hätten fragen können. Also fertige ich eine Palette an Mustern für beides (Listen und Charts) an und hab damit gleich mal die Drucker getestet. Es verginge Woche über Woche und es kam nichts Konkretes rüber. Eher wurden die Fragen mehr, wie etwa die Frage wir wäre die SPD zu schreiben: in der Kurzform, als S.P.D oder müsste die Partei vielleicht doch ganz ausgeschrieben werden. Ich vertrieb mir die Zeit indem ich den vorgesehenen Pressebetreuern die Innereien von OS/2 und Excel zeigte und wir Makros programmierten – damals noch mit der mittlerweile veralteten XLM Makrosprache.

So zwei bis drei Wochen vor der Wahl wurde es langsam eng, denn es sollte noch eine schöne Benutzeroberfläche programmiert werden, damit niemand sieht welche Technik bzw. Software da im Einsatz war. Alle beteiligten Firmen hatten zugesagt, dass der Einsatz kostenlos sein und nicht für Werbung „missbraucht“ werden sollte. Da war aber noch ein Problem: in Excel konnte man alles ausblenden: Menüzeile, Statusleiste, Schieberegler, das System-Menü – alles war weg zu kriegen. Aber ober in der Titelleiste prangte „Microsoft Excel“. Also beim Program Manager – ein Franzose in Seattle – angefragt ob und was er da machen konnte. Klar wollte er helfen. Ich sollte ihm nur durchgeben, was da nun stehen soll und er würde eine Extraversion kompilieren lassen. Auch zu der Frage war keine Antwort zu bekommen. So ungefähr eine Woche vor der Wahl schrieb ich Marc „bau eine Version in der in der Titelleiste 30 Xe drin stehen“, da ich wusste das alte (DOS) Word hatte auch in der Wandlung zur OS/2 Version eine für mich damals wichtige Funktion nicht verloren: es konnte Binärdateien editieren und verlustfrei zurückschreiben. Gesagt getan, am nächsten Tag war die EXCEL.EXE in München; wir hatten immer gute Internetverbindungen. Wir brauchten das ganze aber in Berlin. Ein Kollege brachte – wohl an die 20 – Disketten in München zu IBM. In deren internen Netz ging es dann elektronisch nach Berlin und ein Kurierfahrer brachte – wieder auf Diskette – alles über die Grenze zum DV Zentrum Berlin. Da waren wir allerdings schon in Erichs Lampenpalast umgezogen. Ich weiß nicht mehr, was wir dann letztlich reingeschrieben haben. Aber die Entscheidung dazu kam wie immer in allerletzter Minute. Zum Glück hat mich OS/Word nicht verlassen, auch wenn das Laden und Speichern jeweils eine gute Stunde dauerte.

Dann war noch das Thema der schönen, aber neutralen Oberfläche. Die Leute waren alle fit in Excel und hätten es mit der normalen Oberfläche einwandfrei bedienen können. Das ging aber, wie gesagt, nicht. Ich hab die letzte Woche dann praktisch rund um die Uhr durchgearbeitet eine schicke Oberfläche zu bauen und natürlich kamen dann auch noch genügend funktionale Änderungen dazu. Eine große Hilfe war mir der SQL Programmierer von IBM, der mit seiner Arbeit im Grunde fertig war und schnell mal eben einen neuen View bauen konnte. Der nette Wachmann, der zu unserer Sicherheit (oder Beoachtung?) abgestellt war, fragte eines Morgens, ob ich noch immer oder schon wieder da wäre. Geschlafen habe ich dann mal nachmittag um 15:00 Uhr für ein paar Stunden oder so ähnlich.

Es musste auch alles gut geplant werden, denn die Fahrt zum Hotel und zurück ging jeweils über die Grenze, ein Taxi musste gebucht werden das erst mal vom Westen rüberkam und wir hatten nur ein Satellitentelefon, das oft von irgendjemand im Team belegt war. Geregnet hatte es auch, der Weg war mit Panzerplatten belegt und der Acker mit der provisorisch geöffneten Grenze lag im Niemandsland. Ziemlich genau dort, wo heute am Potsdamer Platz alles zugebaut ist.

In Erinnerung blieb mir auch die Kantine im DV Zentrum Berlin. Dort arbeiteten so ca 80 Leute. Bei der Essensausgabe – es gab nur Mittagessen – war für jede einzelne Zutat war eine andere Frau zuständig und ggf. auch dauerhaft in Warteposition. Plus Kasse und mehrere zum Abspülen. Dachte mir so klappt das mit der Vollbeschäftigung, wenn man 10 Leute braucht um 80 mit einem Essen zu versorgen.

Der Wahltag kommt. Endlich gründlich ausschlafen und ein gutes Frühstück zur Mittagszeit. Den ganzen Nachmittag langweiliges rumhocken, zum xten Mal die Dinge durchprobieren. Es ging alles. Gegen 17:55 Uhr bringt ARD und ZDF erste Hochrechnungen. Für uns alle erstaunlich, denn erwartet wurde, dass die Sozialisten natürlich links wählen würden. Es sieht eher nach Gegenteil aus; die CDU und weitere Konservative haben eine Mehrheit. Wir hatten Anweisung vom Wahlkomitee, dass wir erst veröffentlichen dürften, wenn 95% der Ergebnisse da wären. Es wird 19:00 Uhr, die 95% immer noch nicht im Kasten. Um 20:15 berichtet die Tagesschau. Die Hochrechnungen von ARD und ZDF hatten sich schon stark angenähert und im Grund war die Richtung klar. Dann 20:30 Uhr oder so und die 95% wären geschafft. Jetzt kommt Halt vom Wahlkomitee „nicht veröffentlichen“. Frust ablassen bei wem auch immer, Fluchen, es hilft alles nichts. Gegen 23:00 Uhr kommt das Ok. Da waren aber schon die meisten Journalisten gegangen oder rüber zum Tagungsraum der Volkskammer, wo das Komitee irgendwas verliest. Wir voller Frust auch rüber, aber kein Erkenntnisgewinn, woran es jetzt gelegen hätte. Die Kantine im Lampenpalast hat – wie sonst auch, meist wenn man was essen oder trinken wollte – geschlossen. Um 1:00 oder 2:00 Uhr zurück zum Hotel und die Minibar geplündert.

Am Ende bleibt festzuhalten, das Team mit dem ich zusammenarbeiten durfte, sowohl von IBM als auch vom DVZ, alles sehr nette Leute, gute Unterhaltungen. Wir haben uns danach verloren. Die dunkelgrauen Häuser blieben mir in dauerhafter Erinnerung. Ineffizienzen und Bürokratismus an jeder Ecke. Und das Radeberger Pilsener damals schon ein gutes Bier.

Microsoft hat es dann mal in einer internen Veröffentlichung gebracht. Geblieben ist davon auf https://channel9.msdn.com/Series/History/The-History-of-Microsoft-1990:
March 18, 1990: East Germany holds its first democratic elections since 1932, and Excel for OS/2, installed on IBM Model 80s, keeps track of and charts the results in the Press Center, Volkskammer (Parliament), and the Palast der Republik, home of TV studios and the central election point.